
Der Handelsblatt-Autor Martin Benninghoff sieht in Chinas Hochschulreformen eine konsequente Ausrichtung auf die industrie- und technologiepolitischen Ziele der Regierung: Geistes- und Sozialwissenschaften werden zugunsten von KI, Halbleitern, Robotik und anderen Zukunftstechnologien zurückgedrängt. Bildung wird damit laut Benninghoff vor allem zur "Bildungslieferkette" für den wirtschaftlichen und geopolitischen Wettbewerb.
In einer Welt, in der Technologie zur Geopolitik geworden ist, will Peking die Hochschulen als strategische Bildungsinfrastruktur organisieren. Dass Künstliche Intelligenz dabei im Mittelpunkt steht, ist nicht überraschend. Chinas Staatsführung will, dass bis 2030 KI in 90 Prozent aller Wirtschaftsbereiche wirksam integriert ist. Dazu braucht es eine funktionierende inländische „Bildungslieferkette“ talentierter Fachkräfte, ergänzt um Experten, die mit Geld und Rückkehrperspektiven aus den USA angeworben werden sollen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Chinas Führung die Unilandschaft sortiert. Beobachter sprechen von einer dritten großen Neuordnung seit Gründung der Volksrepublik 1949: Nach der anfänglich sowjetisch geprägten Umstrukturierung und einer massiven Expansion in den 1990er-Jahren kommt nun eine Welle, die sich spezialisiert. Diesmal geht es weniger um Masse als um Ausrichtung: Studienfächer und Ressourcen sollen noch stärker an nationalen Bedürfnissen ausgerichtet werden.
Aber: Je stärker Hochschulen auf wirtschaftliche Zielerfüllung verpflichtet würden, desto größer sei das Risiko, "dass Peking genau das austreibt, was er ebenfalls braucht: die kreativen Anteile, Kritikfähigkeit und intellektuelle Umwege".
Zum Artikel "Asia Techonomics - China setzt nun auf Bildungslieferketten" im Handelsblatt